Tape Art

Klebebänder erobern den Kunstraum

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Statt zur Spraydose greifen Straßenkünstler neuerdings zu buntem Klebeband. Ob auf Stromkästen, Wänden oder Straßen: Wo früher Graffitis prangten, haftet jetzt Tape Art – geklebte Kunst. Sebastian Belser, Geschäftsführer „Klebeland“ und Initiator des Tape-Art.de Blogs, hat die Szene vor gut sechs Jahren mit angestoßen. Für ihn heißt es: „Wer klebt, der lebt!“

Streetart, Kunst, Art, Kunstobjekt, Outdoor, Tapes, Klebebänder

Foto: © Tape That

Das erste Klebeband (engl. „tape“) – also ein Klebstoff auf einem flexiblen und beweglichen Träger – wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom oberschlesischen Apotheker Oscar Troplowitz entwickelt. Dabei handelte es sich um einen Klebverband für die Medizintechnik. Heute gibt es über 1.000 verschiedene Klebebänder in allen nur denkbaren Anwendungsfeldern, sowohl technische, für Industrie und Handwerk, als auch reguläre, für den Alltagsgebrauch. Aus dem täglichen Leben sind sie nicht mehr wegzudenken: Bei Rockkonzerten befestigt schwarzmattes Gaffer Tape die zahllosen Kabel, in Druckereien ist die Druckwalze mit Klischeeklebebändern beklebt und die Post versendet kein Paket und keinen Karton ohne das sichernde Klebeband.

Das Klebeband wird zum Kunstobjekt

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Foto: © Tape That

Durch die Tape Art erfährt das Klebeband jetzt eine besondere Zweckentfremdung und erhält eine künstlerische Komponente. Tape Art ist eine neue Art, den öffentlichen Raum zu gestalten. Ein Trend, der in Amerika bereits fest in der Street-Art-Kultur etabliert ist und sich auch in Deutschland zunehmend ausbreitet. Einziges Gestaltungsmittel: gut haftendes, wetterbeständiges Tape in jeder Ausführung. So kommen Armeepanzer- und Gafferband, Isolier-, Klett- oder auch Vulkanisierband zum Einsatz. Die günstigste Rolle kostet 50 Cent, die teuerste über 100 Euro. Immer mehr Street-Art-Künstler bedienen sich der bunten Klebebänder und zaubern ihre kreativen Ideen in atemberaubender Geschwindigkeit direkt auf Leinwände, Häuserfassaden, Asphaltböden, Stromkästen – eben überall dorthin, wo sie kleben bleiben. Einen enormen Aufmerksamkeitsschub erhielt dieser faszinierende Trend im Jahr 2009, als der Berliner Street-Art-Künstler El Bocho das größte jemals geklebte Tape Art Outdoor-Bild der Welt realisierte: Er gestaltete die knapp 1.100 m² große Fassade eines ehemaligen Schwimmbads im Stadtteil Wedding innerhalb von zwei Wochen. Tatkräftige Unterstützung bekam der Künstler von dem Berliner Unternehmen „Klebeland“, denn Geschäftsführer Sebastian Belser ist es eine Herzensangelegenheit, die Szene aktiv zu fördern. Daher dreht sich auch in seiner Klebebandmanufaktur alles ums Tape, ob schneiden, wickeln, stanzen, laminieren, kaschieren, verpacken oder sogar lasern.

@ Foto: Tape That

Doch was macht die Tape Art so einzigartig? „Zunächst einmal besitzt sie einen besonderen Schwierigkeitsgrad, denn sie wird limitiert durch die nur begrenzt verfügbaren Farben und Abmessungen der Tapes. Und was sie vom Graffiti unterscheidet: Sie ist wieder rückstandslos entfernbar. Kein Vandalismus und keine Sachbeschädigung. Man schafft also Kunst im öffentlichen Raum ohne dabei den Raum zu beschädigen“, so Belser. Die Street Art hilft seit jeher, Kunst zu emanzipieren – Tape Art als Teil der Straßenkunst hat bereits den Ritterschlag erhalten, denn ihr gelang der Einzug in die musealen Räume und Galerien und somit in die Reihen der bildenden Kunst. Der Klebstoff ist zum Kunstobjekt geworden.

Titelbild: © Tape That