Wer klebt, klettert sicherer

Grenzgänger in der Steilwand

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Kletterer suchen die Grenzerfahrung. Tollkühn hängen sie an hohen Felssteilwänden. Unter ihnen klafft der Abgrund. Einzige Sicherung: Seil und Haken. Die Angst vorm Absturz schwingt dabei nur selten mit. Warum? Klebstoffe geben ihnen sicheren Halt, selbst bei stärksten Belastungen.

Sie heißen El Capitan oder Trollvegen: imposante Steilwände, die bis zu 1.500 Meter nahezu senkrecht in den Himmel ragen. Allein schon bei der Vorstellung diese zu erklimmen, schlottern uns Otto-Normal-Verbrauchern die Knie. Nicht so ambitionierten Felskletterern. In Gecko-Manier erklimmen sie die steilsten Wände und trotzen regelrecht der Schwerkraft. Als Hilfsmittel dienen ihnen neben den eigenen Händen und Füßen nur Seil, Haken und Klebmörtel.

Bohren, bürsten, reinigen

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Foto: © zappblinki – Fotolia.com

Ob Verbund-, Bohr- oder mechanische Haken – verschiedene Systeme stehen Kletterern zur Auswahl. Die Verbund-Befestigungsmethode gilt als besonders sicher – sofern richtig eingesetzt: Verbundhaken, auch Klebhaken genannt, lassen sich mithilfe eines Bohrers und spezieller Klebmörtel in die Felswand setzen sowie befestigen.
Damit Kletterer diese nicht immer mit sich führen müssen, werden Felsmassive und alpine Kletterrouten im Vorfeld fachgerecht mit Haken erschlossen und gesichert, beispielsweise vom Deutschen Alpenverein.
Dazu wird zunächst ein Loch in das Gestein gebohrt – idealerweise senkrecht zur Felsoberfläche. Wichtig dabei: Das Gestein muss kompakt sein. Der Abstand des Bohrlochs
zu Kanten, Rissen und Vertiefungen darf 15 Zentimeter nicht unterschreiten. Dies ist Voraussetzung, damit der Haken später fest sitzt und dem Kletterer sicheren Halt gibt.
Der Klebmörtel verzahnt sich mit den Mikroausbrüchen in der Bohrlochwand. Falls die Ausbrüche mit Staub zugesetzt sind, kann der Klebmörtel nicht richtig wirken. Deshalb muss das Bohrloch zunächst mit einem Ausbläser – zur Not auch mit dem Mund und einem Schlauch – ausgeblasen und anschließend mit der Rundbürste gründlich gereinigt werden. Erst dann kommt der Haken in die Wand.

Mörtel einfüllen, aushärten, reinigen

Zur Befestigung des Verbundhakens füllt der Erstbegeher das Bohrloch mit Klebmörtel aus. Hierfür verwendet er keinen herkömmlichen Mauermörtel, sondern einen speziellen Zweikomponenten-Klebmörtel auf Basis von schnell abbindendem Vinylesterharz. Dieser ist als Glasmörtelpatrone oder als Kartuschenmörtel in jedem gut sortierten Baumarkt erhältlich.
Glasmörtelpatronen werden zuerst senkrecht gehalten, so dass die Verbundmasse nach unten fließen kann und sich am oberen Ende der Patrone eine Luftblase bildet. Auf diese Weise lässt sich überprüfen, ob der Klebmörtel noch brauchbar ist. Sollte in der Patrone nichts mehr fließen, ist diese nicht mehr zu verwenden. Nach dieser – unbedingt erforderlichen – Kontrolle wird die Glasmörtelpatrone in das Bohrloch eingeschoben und mit einem gezielten Hammerschlag komplett versenkt. Dann lässt sich der Haken zentimeterweise einsetzen. Bei diesem Vorgang geht die Patrone zu Bruch. Das Vinylesterharz vermischt sich mit dem beigefügten Härter, klebt den Haken vollflächig in das Bohrloch und dichtet es ab. Noch einfacher ist das Setzen der Haken mit Kartuschenmörtel: Das Harz und der Härter befinden sich in zwei separat angeordneten Kammern. Unter Verwendung einer Auspresspistole vermischen sich die beiden Komponenten im aufgeschraubten Statikmischer zu einer hoch beanspruchbaren Klebmörtelmasse, die zur Befestigung in das Bohrloch eingepresst wird. Der Haken lässt sich dann einfach von Hand in das Bohrloch eindrücken.
Die Aushärtezeiten sind mörtel- und temperaturabhängig. Maximal dauern sie bis zu zwei Tage. Grundsätzlich gilt: Auf jeden Fall Produktbeschreibung beachten und die Haken während der Aushärtezeit weder bewegen noch belasten. Korrekt positioniert und ordnungsgemäß gesetzt halten Verbundhaken einer Belastung von 4 bis 6 Tonnen stand.
Wer klebt, klettert sicherer.

Titelbild: © Jürgen Fälchle – Fotolia.com

 

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